105. Oleschinskis Sprachreise

"Wie Gedichte denken", so hat Oleschinski ihr Poetik-Projekt mit Urs Engeler (2002) betitelt. Darin hieß es programmatisch: "Es ist nicht dieses Ich-Sagen, für das ich schreibe." Die neuen Texte, ein scheinbar unregierter Sprachfluß, machen vor, was das heißen kann: in einer Sprachlogik, die Abschied nimmt oder "eben heraufdämmert", je nachdem, "infiziert von Wörtern und Gedächtnis".

... "Auf dem Nachtrücken, rücklings nackt" - die erste Zeile des Bandes ruft gleich ein mythisches Bild auf, die Erwartung eines Gottes etwa. Gleich darauf kommen das Genlabor, die Notaufnahme, die Bankenzentrale in den Blick. Dichterische Arbeit also ist nötig, um - wie es der syrisch-libanesische Dichter Adonis programmatisch fordert - eine menschliche Moderne vorstellbar zu machen. Kann das glücken?

Die Gedichte sind zugleich eine Sprachreise. Man kann sie kaum verstehen. Doch man soll sie auch nicht übersetzen wollen. / Alexander von Bormann, Die Welt 31.12.

Brigitte Oleschinski: Geisterströmung. DuMont, Köln. 118 S., 24,90 EUR.

So, damit wird die Ausgabe L&Poe 2004 abgeschlossen, Schluß, aus! Und auf bald, 05!


104. Einbruch in eine urmännliche Angelegenheit

Die "Welt" druckt in der Silvesterausgabe eine Übersetzung von Erica Jongs Besprechung der "Restored Edition" von Sylvia Plaths "Ariel" aus der New York Times *) vom 12.12.. Darin erzählt sie, wie Ted Hughes sie einmal fast verführt hätte und wie sie bei der feministischen Orthodoxie aneckte, vor allem aber beschreibt sie die ungeheure Wirkung dieser Gedichte in den sechziger Jahren:

Um Plaths Wirkung zu erklären, muß man zuerst eine Skizze der damaligen Zeit zeichnen. Für meine Generation (die Mitte der Sechziger das College abschloß - noch bevor die sechziger "The Sixties" wurden), war Dichtkunst ein urmännliche Angelegenheit. Weibliche Dichter gab es nicht auf dem Kritiker-Radar. Es sei denn, um Gegenstand von Hohn und Spott zu werden. Theodore Roethke, ein wunderbarer Dichter, kritisierte die Neigung der Frauen, "sich gegen Gott aufzulehnen". Anatole Broyard, der Schriftsteller und Kritiker, erklärte meinem Schreibseminar in Barnard, wir Frauen würden einfach nicht die Erfahrungen mitbringen, die Schriftsteller erst ausmachten. Weder betranken wir uns in Bars in Pigalle, noch lasen wir Prostituierte in anrüchigen Hotels an der Left Bank auf, noch rannten wir mit den Stieren von Pamplona um die Wette. Wir tranken nicht genug (noch nicht). Wir kotzten nicht auf die Straßen (noch nicht). Unser Leben war festgelegt: Wir waren zum Mutterdasein verdammt. Domestizierte Tiere und künftige Ehefrauen, die wir waren, fuhren wir eben nicht im wild angestrichenen Bus mit Neal Cassady, sangen nicht Blake mit Allan Ginsberg, wilderten nicht unter den Mädchen von Barnard, wie Broyard es tat. Wir waren zu damenhaft.

Sylvia Plath: Ariel. The Restored Edition. A Facsimile of Plath's Manuscript, Reinstating Her Original Selection and Arrangement. HarperCollins, New York. 240 S., 24,95 $.
Ariel. Englisch-Deutsch. A. d. Engl. v. Erich Fried. Suhrkamp, Frankfurt/M. 176 S., 14,80 EUR.
Frieda Hughes: Wooroloo. Englisch-Deutsch. A. d. Engl. v. Jutta Kaußen. DuMont, Köln. 123 S., 17,90 EUR.
Christine Jeffs Film "Sylvia" mit Gwyneth Paltrow in der Titelrolle startet am 6. Januar in den deutschen Kinos.


103. Ukrainische Literatur heute

In Deutschland ist nur Jurij Andruchowitsch mit seinem essayistischen Werk (Suhrkamp) bekannt, in der Anthologie wartet er mit Gedichten auf. Drei weitere »Stanislawer« sind Tymofi Hawriliw, der Einzige, der sowohl mit Prosa als auch mit Gedichten vorgestellt ist, Taras Prochasko mit Fragmenten aus seinem Roman Neprosti, einer Familiensaga vor den Kulissen der galizischen Karpaten, und Halyna Petrosanjak, eine wirklich interessante Lyrikerin, die als »Dichterin der Karpaten-Exotik« gilt. In einem Artikel über das Stanislawer Phänomen schreibt Andruchowitsch, dass sie aus einem entlegenen Karpatendorf stamme, hinter dem »nur Bären und die rumänische Grenze und weiter nur Siebenbürgen, die Heimat der Vampire, kommen«. Tatsächlich bedürfen diese Gedichte einer solch exotischen Werbung nicht, sie sind einfach gut. / Olga Martynova, Die Zeit 1/05

Ukrainische Literatur heute; hrsg. v. Karin Warter und Alois Woldan; a. d. Ukrainischen von Alois Woldan und Roman Dubasevych; Verlag Karl Sturz, 2004; 196 S., 19,80 ?


102. Susan Sontag

Alle Zeitungen schreiben am 30.12. über den Tod von Susan Sontag. Unschlagbar das Dossier*) der New York Times mit den zeitgenössischen Besprechungen aus vier Jahrzehnten (durchaus nicht nur freundlich) sowie Essays, Interviews und mehr. Hier ein Zitat aus dem Nachruf von Fritz J. Raddatz in der Zeit:

Wer erlebt hat, mit welcher Zartheit - darf man noch das Wort Innigkeit benutzen? - sie Gedichte vortrug, keineswegs immer vor vollem Saal, der ihr gebührte, nein, abends spät, beim Wein, in einem Hotel, in der Wohnung, ohne Publikum als den staunenden Gastgeber, wie sie Verse von Walt Whitman sprach oder von Brecht, von Aragon oder - auf Deutsch - Majakowski: der erfuhr eine existenzielle Bindung an jene tiefen Schichten, die das Humanum bilden. Diese tiefgründende Menschlichkeit, mit der sie Kunst feiern konnte als Leuchtzeichen für uns alle, die »dennoch« die Armseligkeit unser aller Leben ein klein wenig heller machen kann: Das war Susan Sontags Größe.

Die Süddeutsche druckt ihre Antworten auf einen Fragebogen 1997:

Die meisten Intellektuellen sind genauso konformistisch - beispielsweise ebenso bereit, die Durchführung ungerechter Kriege zu befürworten - wie die meisten anderen Menschen, die in Berufen tätig sind, die eine höhere Bildung voraussetzen. Die Anzahl von Menschen, denen die Intellektuellen einen guten Ruf verdanken, und zwar als Unruhestifter, als Stimmen des Gewissens, ist immer sehr klein gewesen. Intellektuelle, die auf verantwortliche Weise Partei ergreifen und sich an vorderster Front einsetzen für das, woran sie glauben (in Gegensatz zum Unterzeichnen von Petitionen), sind längst nicht so zahlreich wie die Intellektuellen, die entweder bewusst unredlich öffentlich Stellung beziehen oder in schamloser Unkenntnis dessen, worüber sie sich aussprechen: Auf jeden André Gide oder George Orwell oder Norberto Bobbio oder Andrej Sacharow oder Adam Michnik kommen zehn Figuren wie Romain Rolland oder Ilja Ehrenburg oder Jean Baudrillard oder Peter Handke et cetera et cetera.


101. Ists auch nicht Lyrik**...: Ostdeutscher Schriftsteller

Detlef Friedrich kommentiert den erwarteten Rücktritt von Christoph Hein von der Leitung des Deutschen Theaters vorab***) in der Berliner Zeitung vom 29.12.:

Jeder, der dieses Amt übernehmen will, der das Deutsche Theater wieder "zu einem führenden deutschsprachigen Schauspieltheater" (Kultursenator Thomas Flierl am 8. Oktober) machen will, braucht starke Nerven, aber er muss auch gewollt sein. Christoph Hein hätte Stahlseile gebraucht, denn die Stärke des Nichtwollens aus dem Westen der Stadt und dem Westen des Landes überraschte. Wir sind ein Volk, und ihr seid auch eins.

Ein Deutungsversuch: Nicht die Argumente schlugen ihm ins Gesicht, sondern die Vorurteile. "Mit ihrer Person verbinden wir Mut, Unbeugsamkeit, Erfahrungsreichtum, Geschichtsträchtigkeit und eine klare, unbestechliche Stimme", hatte der Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Peter Frankenberg, im November anlässlich der Verleihung des Schiller-Gedächtnispreises gesagt und hinzugefügt, als Dramatiker und Erzähler, als politischer und literarischer Essayist, gehöre Christoph Hein zu den wichtigsten deutschen Autoren von heute. Die Stimme aus dem Schwabenland war die Ausnahme.

In den überregionalen Feuilletons, aber auch in den Kultursendungen des Deutschlandfunks aus Köln wird Hein stets ein ostdeutscher Schriftsteller genannt, der zum koketten Erstaunen der Meinungsingenieure wie der apportierenden Schreibhandwerker das Deutsche Theater leiten sollte. Das ist doch was Großes, da im Osten? Nein, das geht doch nicht ...

**) Ist´s auch nicht Lyrik, hat es doch Bedeutung: hieß es in Nachricht 65 vom Dezember 2004. Nun ist es eine neue Rubrik in (sehr) loser Folge.

***) und am 30. reagieren alle getroffenen Hunde mit mehr oder weniger Häme


100. Freier Teufel mit Zukunft

[Peter] Hille, dem seine Ungebundenheit zeitlebens über Wohlstand ging ("Besser ein freier Teufel als ein gebundener Engel"), [formulierte] die langgehegte Erwartung seines Reüssierens in der grammatikalischen Form des Futurs: "Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird."/ Hendrik Werner in der Berliner Morgenpost vom 29.12. über den vor 150 Jahren geborenen und vor 100 Jahren auf dem Bahnhof Zehlendorf gestorbenen Dichter Peter Hille


99. Außerkohren

Alexander von Bormann bespricht in der FR vom 29.12.

Hartwig Schultz: "Unsre Lieb aber ist außerkohren". Die Geschichte der Geschwister Clemens und Bettine Brentano. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004, 511 Seiten, 25,50 Euro.


98. Den Musen bittere Stadt

"Während ich ein Gedicht auf ein Stück Papier kritzelte, rief mir sehr unmelodisch der Besitzer eines Schrebergartens zu (die Pleiße trennte uns), dass man mich schon lang beobachtete, wie ich mir immer Notizen mache, wo und was auf den Beeten und an den Obstbäumen wachse, damit ich dann nachts in den Gärten umso zielsicherer einbrechen könne, um Früchte und Gemüse zu klauen. Es bedurfte eines längeren Gesprächs, immer über die Pleiße hinweg, um dem Mann klarzumachen, dass es mir um die Poesie ginge. Ich musste das laut schreien. Und in der Tat beruhigte sich der Mann, begann sich plötzlich für Poesie zu interessieren und lud mich sogar ein." So erlebte der Dichter Georg Maurer Leipzig ... / Leipziger Volkszeitung 28.12.

"Mit einem Reh kommt Ilka ins Merkur", Connewitzer Verlagsbuchhandlung, 250 Seiten, reich illustriert, 22 Euro. Es erscheint zudem eine limitierte Vorzugsausgabe mit Originalgrafik. Nähere Infos unter Telefon (0341) 9 60 34 46.


97. Adonis 75

Der syrische Dichter mit dem selbstgewählten griechischen Namen wird 75. Die Wiener Zeitung informiert schon am 28.12.:

Am Neujahrstag wird Adonis, der seit 1986 im Exil in Paris lebt, 75 Jahre alt.

Seine Dichtkunst ist mehr als nur schöne Lyrik. Sie ist "ein zivilisiertes Kulturprojekt, um die arabische Geschichte neu zu schreiben und neu zu definieren", erklärte er einmal in einem Interview. Eines seiner größten Ziele ist nichts weniger als eine "arabische Moderne". Auch deshalb ist Adonis um eine kulturelle Verbindung zwischen Ost und West bemüht, die seiner Meinung nach für einen Modernisierungsschub wesentlich ist.

Fünf Nachrichten über Adonis im L&Poe-Archiv, September/ Oktober 2004


96. Hugo Loetscher 75

Warum, drängt sich die Frage auf, findet ein Schriftsteller, dessen ausgreifendes Gesamtwerk durch Überfülle, durch "die Pluralität der stilistischen und gattungsmäßigen Möglichkeiten" (Anton Krättli) bestimmt ist, im Alter zur gedrängtesten literarischen Gattung, zur Lyrik?

Die Anmutung eines Antwortversuchs geben Verse aus seinem titelgebenden Zyklus Es war einmal die Welt: Auch ich hab den Poeten verscharrt / und mein Gesicht / dem Wetter hingehalten / daß niemand weiß / nicht einmal ich / ist es genäßt / vom Regen / oder von den Augen. ... Lötscher greift in der Metaphernbildung mit Vorliebe auf christliche Ikonographie zurück, warum auch nicht; nur verbleiben die Bildfindungen ganz und gar im Raum des Erwarteten und Konventionellen. Die Vorfreude auf ein gutes Gedicht, die darin besteht, dass es überrascht, verstört, in Ungesehenes verführt, muss in dieser Hinsicht so weitgehend enttäuscht werden.

Hingegen überzeugt Loetscher dann doch wieder in markanten Sequenzen, in denen sich die Essenz bündelt von Lebenserfahrung und Todesahnung, Sprachskepsis und lebenslanger Sehnsucht, aus dem Kerker des Ich wenigstens in der Liebe Ausgang nehmen zu können. Und dergestalt leuchtet er tatsächlich den Raum des Gedichtes so aus, dass dieses Licht unnachahmlich schatzbehaltende Erinnerung umranden kann: Wenn müßig alles Tun/warum nicht gleich/das Aussichtslose: das Gedicht//und falls kein Ganzes/doch vielleicht ein Vers/und sei´s/im Maß der Krücken -// zweimal kurz/das Hinken/und einmal lang/das Schleifen." / Peter Geist, Freitag 53

Hugo Loetscher: Es war einmal die Welt. Gedichte. Diogenes, Zürich 2004, 127 S., 16,90 EUR

Außerdem eine Gratulation von Ingo Arend zum 75.


95. Sergij Schadan,

der populärste junge Lyriker der Ukraine, kommentiert für die SZ am 24.12. die "Apfelsinen-Revolution".


94. Hitler-Nacht

Noch eine Weihnachtslied-Nachricht, die "unglaublich" zu nennen nur die Erfahrung verbietet. "Weihnachten wie´s früher war" verspricht eine CD und hält es auf impertinente Weise, bietet sie doch

eine neu eingespielte Zusammenstellung jener Lieder, mit denen die Nationalsozialisten Weihnachten in eine ¸¸Deutsche Weihenacht" verwandeln wollten.

Je länger die Diktatur dauerte, je katastrophaler sich der Krieg entwickelte, desto größer wurden die propagandistischen Anstrengungen. Der 24. Dezember war der Kristallisationspunkt allen Eifers; Weihnachtsfeier, Christbaum, Adventskranz galt es umzugestalten in Sonnwendfeier, Lichterbaum, Hakenkreuz-Kranz, damit, so Martin Bormann 1942, die ¸¸Einflussmöglichkeit der Kirche restlos beseitigt" werde; erst dann habe ¸¸die Staatsführung den vollen Einfluss auf die einzelnen Volksgenossen". Nicht an die Geburt Christi sollten die Feste erinnern, sondern an die Ankunft des ¸¸Lichtbringers" Adolf Hitler. Deshalb war es tabu, vom Ros" zu singen, ¸¸entsprungen aus einer Wurzel zart". Statt dessen dichtete Thea Haupt: ¸¸Uns ist ein Licht erstanden in dunkler Winternacht. So ist in deutschen Landen der Glaube hell entfacht". / Alexander Kissler, SZ 24.12.


93. Stille Nacht

Deutsche Leitkultur oder doch Multi? In der Heiligabendausgabe der SZ erzählt Timothy Garton Ash die Geschichte des bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt - nicht Jingle Bells, sondern Stille Nacht. Mehr als 300 Versionen soll es geben - hier gibt es 180 in 121 Sprachen. Dies der Text der ersten Strophe auf Taiwan-Chinesisch:

Peng-an mi! Seng-tan mi!
Ching an-cheng! Chin kng-beng!
Kng chio lau-bu chio Eng-hai,
Chin un-sun koh chin kho-ai,
Siong-te su an-bin,
Siong-te su an-bin.


92. Benns Stimme

von Hanns-Josef Ortheil beschrieben:

Da, wo sie ganz bei sich ist, und das ist sie vor allem beim Vortrag der Gedichte, steigt sie auf einer einzigen, gleich bleibenden Tonlage ein in den Wortstrom und macht seinen metaphysisch wallenden Budenzauber unaufgeregt mit.

So versagt sie sich jede Betonung, jeden starken Akzent und schwimmt - könnte man sagen - obenauf auf dem, was das Gedicht mit der Sprache für ein paar Augenblicke anstellt, manchmal klirrt sie auch etwas in dieser Höhenlage und suggeriert so etwas wie einen rituellen Dienst, dann wirkt sie leicht feierlich, als wäre sie im Tempel eines Lyrik-Gottes zu Gast und bezeugte ein angemessen frommes Benehmen: hymnisch, ehrfürchtig. / FR 27.12.

Gottfried Benn: "Das Hörwerk 1928 - 56." Hrsg. von Robert Galitz, Kurt Kreiler und Martin Weinmann. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2004. 1 MP3-CD (21,95 Euro) oder 10 CDs (59,95 Euro).

10 Gedichte gelesen von Benn gibts bei lyriklline.

 

Leserbrief:

Nr. 92 - Dr. Benn - Die Sphinx aus der Hasenheide

ja, Dr. Gratz, Benns Stimme spricht wohl wie neu für uns, wenn wir noch alles andere im Ohr haben, etwa das Politikerdeutsch.. So schwingt, stilistisch, in den vollgestopften Satzperioden der Angela Merkel manchemal im Hintergrund das NEUE DEUTSCHLAND als Makulatur-Sprachmaschine mit.

Füllsel waren Benns Sache nicht. Spötttisch, wenn nix mehr zu heilen oder zu verbessern war, gab er den Rat - "pflegen und hochbinden".

Solipsistisch, Dr. Gratz, dieses Wort bedeutet = nur an sich selbst interessiert sein, nur um sich selbst kreisend. So fremd das Wort, so richtig das, was es besagt.

Benn scheute den harten Umriß nicht. Er schrieb am 15.10.1946 an Oelze:

Leer! Zu Ende! Solipsistischer Nihilismus, letzte Objektivität, fast schon Beziehungslosigkeit in Bezug auf sich selbst. Herabsehn aus grosser Höhe auf sich selbst wie der Falke in einen Abgrund.

Dr. Gratz,

Alte Texte werden wie auf einer Woge wieder nach oben getragen, sie blitzen und funkeln für unsere Gegenwart. Dabei mag die Wirkung auf uns und die Bedeutung, die aus ihnen zu uns spricht, ihr Urheber, als er schrieb, sie so gar nicht beabsichtigt haben.

Carl Sternheims Tochter Dorothea  ( "Mopsa") kommt in einem Buch, Wallstein Verlag 2004, neben ihrer Mutter Thea oft zu Wort ("Gottfried Benn / Thea Sternheim, Briefwechsel und Aufzeichnungen"). Mopsa, zeitweise die Geliebte Benns, nannte ihn die Sphinx aus der Hasenheide. Ihre luziden Kommentare, auch zur Politik, sind für mich eine Entdeckung. Mopsa war zwei Jahre im Frauen-KZ Ravensbrück interniert. Beschämt möchte ich dieses Buch den Grass-Walsers empfehlen, die ihre Jugendeindrücke von Wohl und Wehe in Nazideuschland empfingen.

Gruß aus Hamburg

Wilhelm Fink

(Homepage)


91. Zbigniew Herberts Lehrer

Herbert behauptete, Elzenbergs 1963 erschienenes Werk «Kummer mit dem Sein» habe auf ihn einen kolossalen Eindruck gemacht, doch auch darin spürte man höfliche Zurückhaltung. Vielleicht lag es an ihrer doch recht unterschiedlichen Weltanschauung, daran, dass Herberts Pessimismus und Elzenbergs ethische Unbeugsamkeit kaum wirklich miteinander auskamen. In dieser Zeit war auch ihre Korrespondenz nur noch sporadisch. Was beide weiterhin verband, war die Erinnerung an das gegenseitige Vertrauen und die Verachtung der Dummheit und Primitivität. Und die gemeinsame Sorge um den Zustand der Welt, in der Herbert oft den Rat seines weisen «Herrn Cogito» einholte, während Elzenberg weiterhin sein Tagebuch führte «eines der wenigen Bücher», so sein Freund, der Dichter, «das den Leser zu einem besseren Menschen werden lässt». / Marta Kijowska, NZZ 24.12.

Henryk Elzenberg: Kummer mit dem Sein. Tagebuch eines Philosophen. Aphorismen und Gedanken aus den Jahren 1907 bis 1963. Aus dem Polnischen von Sven Sellmer unter Verwendung einiger von Karl Dedecius übersetzter Aphorismen. Suhrkamp-Verlag, Reihe «Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek», Frankfurt am Main 2004. 550 S., Fr. 67.-.


90. Gewagte Lyrik / Karadzic und sein Leib

Radovan Karadzic, seit neun Jahren auf der Flucht vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal, verfasst nicht nur Kinderbücher, sondern auch weitschweifige Epen und gewagte Lyrik, die der Karadzic-Exeget Zelidrag Nikcevic "erhaben und prophetisch" nennt. Als sein Buch ?Vom verrückten Speer zum schwarzen Märchen" 2002 von der Kritik mit gemischten Empfindungen bedacht wurde, erklärte sein damaliger Verleger, Zarko Ruzic: "Karadzic ist ein wichtiger serbischer Poet, der nur durch Zufall in die Politik geriet. Man hat ihn nachgerade dazu gezwungen." Eines der frühen Karadzic-Gedichte vermittelt die für Despoten bittere Einsicht: "Die Welt ist eine ungehorsame Harfe."

Verse wie "Ohne deinen Leib/existiert diese Landschaft absolut nicht", lesen sich aus der Feder eines wegen Genozid in Bosnien Gesuchten wenig poetisch. / Caroline Fetscher, Tagesspiegel 27.12.


89. Ulla Hahn im Radio

Nordwestradio 26.12. 15.05 Uhr


88. Sprachspielarbeiter

Seit Hugo von Hofmannsthals fiktivem Lord Chandos 1902 die Worte «wie modrige Pilze» im Munde zerfielen und zeitgleich Fritz Mauthners epochale «Beiträge zu einer Kritik der Sprache» erschienen, laboriert Österreichs Literatur an endemischer Sprachskepsis. Welche Fruchtbarkeit das zweifelnde Leiden zeitigt, dokumentiert die Anthologie «Zur Sprache». Zusammengestellt von der Österreichischen Mediathek (die seit 1960 Klangzeugnisse aufzeichnet und archiviert), präsentiert der Sampler 18 Sprachspielarbeiter. / NZZ 22.12.

Zur Sprache. Tondokumente der Österreichischen Mediathek. 1 CD (63 Minuten), Österreichische Mediathek 2003. www.mediathek.at


87. Sainte-Beuve

Er schrieb Gedichte und einen Roman - aber die Nachwelt kennt ihn bestenfalls als Kritiker: Sainte-Beuve. Als er starb, schrieb Gustave Flaubert: «Wieder einer weg! Die kleine Schar schrumpft. Die wenigen Überlebenden auf dem Floss der Medusa verschwinden. Mit wem jetzt über Literatur reden? Der dort liebte sie - er war ja nicht gerade mein Freund, aber sein Tod trifft mich tief. Das schreibende Frankreich verliert in ihm einen, der nicht zu ersetzen ist.». Zu seinem 200. Geburtstag schreibt Werner Weber in der NZZ vom 23.12.


86. Lyrikparadies im Konjunktiv

Hätten wir alle doch solch einen Deutschunterricht gehabt, wie ihn uns Andreas Thalmayr in diesem Hörbuch vorexerziert! Wir wären alle begeisterte Lyrik-Leser und -Hörer geworden, würden, anstatt auf den neuesten Harry Potter, fieberhaft auf den neuesten Gedichtband von Sarah Kirsch warten, die, kaum erschienen, die ersten Plätze der Bestsellerlisten eroberten, und nur die schlechten Poeten und Reimeschmiede wären gezwungen, ihr Brot im Rundfunk oder als Rezensenten zu verdienen. So vergnüglich, wie wir von Andreas Thalmayr oder - pardon - von Hans Magnus Enzensberger, der, wenn man genauer hinsieht oder hinhört, natürlich hinter ihm hervorkommt - die Verslehre, die Reimformen, die stilistischen Kunstfertigkeiten des Dichters erzählt bekommen, so spannend, wie er uns die kühnen Tricks und Kniffe Gottfried Benns oder Kurt Schwitters vorführt, und so verführerisch, wie er uns zum eigenen Gedichteschreiben ermuntert - das hat es wohl noch nie in der deutschen Literaturgeschichte gegeben. / Gert Ueding, Die Welt 24.12.

Andreas Thalmayr: Lyrik nervt. Gel. v. Hans Magnus Enzensberger, Birgitta Assheuer, Bodo Primus, Volker Risch. Der Hörverlag, München. 1 CD, ca. 19,95 EUR.


85. Slate Ent-Microsoftet?

Microsoft hat das Online-Magazin Slate an die Washington Post verkauft, meldet die FAZ am 23.12.. Fein, dann werden sie hoffentlich ihre Gedichtlesungen auf ein Format umstellen, das nicht nur auf Windowsrechnern läuft? Dies zum Beispiel:

Listen to David Ferry reading this poem.
It is a breath-taking near-death experience.


84. Kein Nazi

Der nassauische Heimatdichter Rudolf Dietz ist - spät, spät - ins Gerede gekommen. Darf eine Schule seinen Namen tragen? Von seinen über 1000 Gedichten sind "dreißig bis maximal fünfzig" als antisemitisch zu bezeichnen - nicht schön, aber ähnlich wie "unsere Türken- oder Asylantenwitze, die nicht nur auf den Fastnachtssitzungen zu hören sind", sagt der mit einem Gutachten betraute Karlsruher Professor Steinbach. Aha, naja. Dietz trat 1933 in die NSDAP ein, aber eigentlich war er kein Nazi. Wer tat das nicht, wer war das schon? Mitläufer, sagt die Spruchkammer. Hitler, der ist es gewesen/ Wiesbadener Tagblatt 22.12,.

Kleine Leseprobe:

Tief im Rhein lag Schild und Wehre,
Und im Staub lag uns're Ehre,
Schwer bedrückt das Vaterland,
Bittre Sorge, harte Hand.
Da verschwand die dunkle Wolke,
Da erstand im deutschen Volke
Jäh ein Aufstieg, stolz und steil,
Unserm Führer Sieg und Heil.

(Und, uff, wie bin ich froh, dasses kein pommerscher Dichter war, kein Greifswalder Professor, joi! Wetten, daß das landesweit Beachtung gefunden hätte?)


83. Sam Hamill

Der amerikanische Dichter Sam Hamill verläßt den - von ihm vor 32 Jahren gegründeten - Verlag Copper Canyon Press, einen wichtigen Lyrikverlag. Er teilte mit, daß er sich auf seine Organisation Poets Against the War konzentrieren wolle. Zur Gründung dieser Organisation kam es, als er eine Einladung der First Lady Laura Bush zu einem Poesiesymposion kurz vor Beginn des Irakkrieges ausschlug und stattdessen dazu aufrief, Antikriegsgedichte an das Weiße Haus zu schicken./ Peninsula Daily News 15.12.


82. Mischpult

Nein, ihren Reiz haben die ausgewählten essayistischen Schriften nicht dort, wo sie mit apodiktischer Gebärde auftreten und allgemeine Gesetze zur Dichtung, zumal zur Lyrik, dekretieren, sondern dort, wo sie Erläuterungen und Seitenstücke zur eigenen Dichtung Heises sind. Sein Leben lang sei er ein gefräßiger Leser gewesen, gesteht er. / Walther Hinck, FAZ 20.12.

Hans-Jürgen Heise: "Am Mischpult der Sinne". Ausgewählte Schriften. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 367 S., geb., 29,- [Euro].


81. Missionar der Poesie

sagt die Deutsche Welle über den Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht", und:

Anton G. Leitner stemmt sich gegen den Trend: Er widmet sich ganz dem Verlegen von Poesie und dem Dichten selbst. / DW 21.12.

Im Zofinger Tagblatt vom 22.12. eine Besprechung:

Anton G. Leitner: Der digitale Hai ist high. Gesänge. Lyrikedition 2000, München 2004. 132 S., Fr. 23.50.


80. Ist´s auch nicht Lyrik...**): Wie Al-Azhar die Welt sieht

Fundstück aus dem monatlichen Newsletter von Egypt today, Dezember 04: Unter der Überschrift "The world according to Al-Azhar" (der Kairoer Universität, die als die führende Universität der Sunniten gilt), zitiert der Autor einige besonders skandalöse Blüten aus einer Untersuchung der Lehrinhalte von Al-Azhar durch den Reform-Vordenker Dr. Khaled Montasser - wie diese: Ein Ehemann ist nicht verpflichtet, seiner Frau einen Sarg zu bezahlen. Warum? Die Verpflichtung des Ehemanns, den Körper seiner Frau zu kleiden, ist eine Gegenleistung für die Freude, die sie ihm gibt; und eine tote Frau gibt bekanntlich keine Freude. ...???!!!

Großer Abd ar-Rahman, wenn du das hörst im Paradies, fahre darein und hilf deinen bedrängten Brüdern und Schwestern im Glauben!***)

Hier gibt es mehr von gleicher Güte.

www.EgyptToday.com

**) Ist´s auch nicht Lyrik, hat es doch Bedeutung: hieß es in Nachricht 65. Ab heute ist es eine neue Rubrik in (sehr) loser Folge.
***) Abd ar-Rahman III. ernannte sich 929 zum Kalifen, machte Cordoba zur größten Stadt Europas und begründete eine Blüte der Wissenschaften, der Künste und nicht zuletzt der Toleranz. Sein Vorgänger, Abd ar-Rahman I., war als einziger aus der bis dahin regierenden Umayadenfamilie der Ermordung durch die Abbasiden entkommen, die in Bagdad die Macht übernahmen, und hatte in Cordoba ein Emirat ausgerufen. Der Machtwechsel in Bagdad war eine "konservative Revolution" gegen die als zu weltlich angesehenen Umayyaden. "Wir können nicht zurück. Der Haß der Abbasiden/ trieb mein Geschlecht in alle Welt hinaus", dichtete Abd ar-Rahman I., und:

 

Fern im Westen, fern vom Palmenland
Pflanzte ich mir einen Palmenbaum.
Weit entfernt vom heimatlichen Strand
Leben wir in einem neuen Raum.

Mögen du und ich nun immer gut gedeihen
In dem letzten Winkel dieser Welt.
Mög die Wolke uns genügend Regen leihen,
Dem sich warmer Sonnenschein gesellt.

Aus: Andalusischer Liebesdiwan. Nachdichtungen Hispano-Arabischer Lyrik von Janheinz Jahn. Freiburg im Breisgau 1955, S. 11.
 


79. Die Entdeckung Amerikas durch Rudolf Borchardt

In einer sehr schön gedruckten und ausgestatteten, vom Lyrik-Kabinett München veranlassten Publikation wird die Dichterin Edna St. Vincent Millay direkt und indirekt vorgestellt, nämlich einerseits in Originaltexten und durch Essays von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp, andererseits als Lese-Erlebnis und Übersetzungsproblem Rudolf Borchardts, das von dem Herausgeber Gerhard Schuster erläutert wird. Die Amerikanerin Edna St. Vincent Millay (1892-1950) hat in den zwanziger, dreissiger Jahren als Lyrikerin wie als persönliche Erscheinung das literarische Publikum fasziniert, und Borchardt, der in seinem Urteil über Zeitgenossen, sofern er sie überhaupt zur Kenntnis nahm, grosse Strenge übte, hat zu seinem masslosen Erstaunen (wie aber hätte sein Erstaunen anders als masslos sein können?) festgestellt: «Die grosse europäische Poesie aller Jahrhunderte bis zu ihrem letzten, dem XIXten, hatte den Atlantik unterlaufen und war in Amerika in einer gewaltigen lyrischen Pyramide aus dem tauben Boden gebrochen . . .» ...Eine lehrreiche Lektüre auch für den, der an die überragende Bedeutung von Edna St. Vincent Millay nicht unbedingt glauben kann. / NZZ 5.12.

Die Entdeckung Amerikas. Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay. Gedichte, Übertragungen, Essays. Hrsg. von Gerhard Schuster. Lyrik-Kabinett München, München 2004. 306 S., EUR 28.-.


78. Rilke mit Vorliebe

Keine Frage - Ulla Hahns Lyrik ist offener und ungeschützter, verletzlicher und privater geworden. Sie bevorzugt weiterhin die Anspielungen (Weimarer Klassik, Hofmannsthal und Rilke mit Vorliebe) und Mehrdeutigkeiten, reist nach wie vor mit einem beträchtlichen Gepäck an Bildung und Wissen, die sie als einen virtuosen poeta doctus ausweisen. / Hans Christian Kosler, NZZ 15.12.

Ulla Hahn: So offen die Welt. Gedichte. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 104 S., Fr. 26.80.


77. babel, weiter

Nur im Mittelteil, einer serpentinischen Sprachfahrt durch St. Petersburg, sprengt Schmatz die Textlogik mit altbekannter Kraft, werden die Verse tatsächlich zu «geleisen, / deren rippen aus stahl / vibrieren machen das herzen / durch dich, aber dünn - / und flott geht die rede / durch die gabe an stoffen». / Nico Bleutge, NZZ 15.12.

Ferdinand Schmatz: tokyo, echo oder wir bauen den schacht zu babel, weiter. Haymon-Verlag, Innsbruck 2004. 143 S., Fr. 30.80.


76. Brodskys Weihnachtsgedichte

Olga Martynova bespricht in der NZZ vom 21.12.

Joseph Brodsky: Weihnachtsgedichte. Russisch-Deutsch. Aus dem Russischen von Alexander Nitzberg. Verlag Carl Hanser, München 2004. 95 S., Fr. 23.70.

Mehr in: SZ 23.12.


75. Slam in Wiesbaden

Ken Yamamoto gewann die Ausscheidung für den Grand Poetry Slam in Wiesbaden, meldet das Wiesbadener Tagblatt am 20.12.:

Die Sprache des in Mainz lebenden Studenten ist voller Rhythmus und Musikalität. Über 200 Euro durfte er sich freuen und wird Wiesbaden beim kommenden German International Poetry Slam in Leipzig vertreten.


74. Wird welken wie Gras

In der FAZ vom 20.12. gratuliert Michael Lentz zum 80. von Friederike Mayröcker:

"Wird welken wie Gras" (aus "Tod durch Musen", 1966) ist mein Dauerbrenner. Glaube ich, es ganz auswendig zu können, muß ich es nachlesen. Es ist und bleibt eines meiner Lieblingsgedichte überhaupt: "Wird welken wie Gras / auch meine Hand und die Pupille / wird welken wie Gras · mein Fusz und mein Haar mein stillstes Wort / wird welken wie Gras · dein Mund dein Mund / wird welken wie Gras · dein Schauen in mich / wird welken wie Gras · meine Wange meine Wange und die kleine Blume / die du dort weiszt wird welken wie Gras / wird welken wie Gras · dein Mund dein purpurfarbener Mund / wird welken wie Gras · aber die Nacht aber der Nebel aber die Fülle / wird welken wie Gras wird welken wie Gras."


73. Nicht unpersönlich

In seiner Kolumne Poet's Choice geht Edward Hirsch der Tatsache nach, daß einige moderne amerikanische Autoren sich T.S. Eliots modernistischem Credo der Unpersönlichkeit (impersonality) widersetzten - am Beispiel von Gedichten über nahe Verwandte (zB von Lorine Niedecker und Li-Young Lee). / Washington Post *) 19.12.


72. Lesen!

Im Prose Feature von Poetry Daily ein Gespräch mit dem 1962 in Habana/ Kuba geborenen, 1962 mit seinen Eltern emigrierten und seit 1974 in den USA lebenden Autor Virgil Suárez. Hier ein Auszug über das Lesen:

I began reading. Mostly reading and falling in love with the written word. I started reading comic books, but also the classics for teenagers like Robinson Crusoe, The Count of Monte Cristo, and 20,000 Leagues Under the Sea. I knew when I started high school I wanted to write. By then, because of Edgar Allan Poe's influence, I started writing poetry. I kept writing poetry even during the time I wrote fiction.

What did you do to develop your craft?

VS: As I said, reading is the key. I'm convinced that the best thing for a writer to do is to keep reading. Read everything. My earliest memory was of my grandmother reading to me out of the Harvard edition of Tales from a Thousand and One Arabian Nights.

The Work We Leave Behind
Virgil Suárez
Interviewed by William T. Vandegrift, Jr.
from Quarterly West #58, Summer 2004


71. Lichtgestalten-CD: reVerse

Luminaries such as Mark Strand, Li-Young Lee, Lou Reed, Lawrence Ferlinghetti as well as KC Clarke, Richard Fammerée, Kent Foreman, Sherrille Lamb, Linnaeus, Simone Muench, Alexi Murdoch, Elise Paschen, Cin Salach, and Marvin Tate are featured on a new CD called reVerse.

From avant garde to gospel, lyric narrative to electronica, reVerse features pieces created by established and as emerging poets and songwriters. reVerse includes work by 14 artists from Chicago, Los Angeles, New York and San Francisco. For information and to purchase this $12 limited edition CD go to:

http://www.reverse1.com/poetrydailyemail.html


70. Erstaunliche Autoren

Der Zürcher Limmat Verlag macht seit vielen Jahren schöne Bücher, ein herausragend intelligentes Programm, wir haben schon des Öfteren sein Lob gefiedelt. Jetzt ist hier eine Anthologie erschienen, die eine etwas mühselige Bezeichnung trägt: Gegenwartslyrik im Grenzraum Schweiz Italien; der Titel ist umso schwereloser: Das Gewicht eines gewendeten Blattes / Il peso di un foglio girato.

Acht Autoren werden vorgestellt - allesamt nach 1950 geboren -, die in der südlichen Schweiz oder im nördlichen Italien leben (oder mal in Italien und mal in der Schweiz leben oder gelebt haben) und ihre Gedichte auf Italienisch schreiben. Ihre Wege kreuzen sich allesamt im Tessin, insofern könnte man auch von Tessiner Literatur sprechen. Das allerdings mag provinziellen Beiklang haben - was völlig abwegig wäre: denn wenn diese Lyrik etwas nicht ist, dann provinziell.

Es sind erstaunliche Texte respektive Autoren. Einer von ihnen, Fabio Pusterla, ist im deutschen Sprachraum (dank Limmat!) kein Unbekannter, die meisten anderen Namen dürften dem deutschen Leser weniger vertraut sein. Acht verschiedene Wege, Stile sind hier versammelt, das versteht sich von selbst. Und doch gibt es Gemeinsames, wie die Herausgeber und Übersetzer Jacqueline Aerne, Orlando Budelacci und Thierry Greub bemerken: Es ist die Erfahrung der Grenze, der Sprach- und der Staatsgrenze, der sozialen Grenze, und das Verschwinden oder die Querung all dieser Grenzen in der Landschaft, in der Begegnung, der Bewegung. Es ist die Erfahrung von Endlichkeit und Auflösung aller Enden und Ränder. Es ist die Wahrnehmung der Linien, Wege, Zäune, Geleise. Der Übergänge, Nähte, Brücken. / Benedikt Erenz, Die Zeit 52

Das Gewicht eines gewendeten Blattes - Il peso di un foglio girato
Gegenwartslyrik im Grenzraum Schweiz Italien, italienisch/deutsch; hrsg. und übersetzt von J. Aerne, O. Budelacci, Th. Greub; Limmat Verlag, 2004; 269 S., 24,50 ?


69. Mayröcker: Was fehlt

Was uns des weiteren fehlt, ist eine Ausgabe aller Texte Friederike Mayröckers zu Hörspielen samt - es lebe die sich auf Rundfunkarchive stützende CD! - vorhandener Aufnahmen von bereits realisierten Hörspielen! Und da Hörbuch und Hördokumentation derzeit so auf dem Vormarsch sind: Wie wäre es mit einer Versammlung aller Aufnahmen von Lesungen Friederike Mayröckers, in denen wir ihre Annäherung an die eigenen Texte erfahren/erhören könnten? / Jörg Drews, SZ 20.12.


68. Freude am sperrigen Wort

Mayröckers frühe Gedichte führten zunächst auf eine falsche Spur. Sie wirken so zart, dass Kritiker sich über die verträumte, feminine, ja "mädchenfrische" Dichterin freuten. Doch das so gelobte Lyrik-Talent wandte sich zügig spröderen Formaten zu und schrieb im Umfeld der Wiener Gruppe um H.C. Artmann, Andreas Okopenko und Konrad Bayer experimentelle Texte. Statt "o Schwärme silberleibiger Tauben" gab es nun ".. herostratische grosze zungen-Gewichte; auch nachtigallen (adj.);". Die Reaktionen darauf waren verschreckt: "purer Nonsense", "Aprilscherz", "sprachlich verunglückt" hieß es, doch Mayröcker war in ihrem Element. Zusammen mit ihrem "Lebens- und Liebesfreund" Ernst Jandl, den sie 1954 kennen lernte und dem sie 40 Jahre verbunden blieb, überführte sie ihre Freude am sperrigen Wort als nächstes aufs Hörspiel. Für ihr Stück "Fünf Mann Menschen" erhielten die beiden 1969 den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

In ihren Jandl gewidmeten "Anleitungen zu poetischem Verhalten" im Prosaband "Fantom Fan" stellte Mayröcker klar, dass sie unter Poesie nicht unbedingt Zartheit versteht: "Lassen Sie Wörter aufjaulen! / Machen Sie öfters mal boingg-boingg!" Das klingt nun gar nicht mehr mädchenhaft, sondern fast schon ein wenig gewalttätig. / Sabine Rohlf, BLZ 20.12.

Mehr: Gespräch, in: Neue Westfälische 20.12. (mit Foto der "Zettelwirtschaft") Gespräch mit Iris Radisch, Die Zeit 52 / Stuttgarter Nachrichten 20.12. (Irmgard Schmidmaier, dpa) / FR 20.12. / Die Welt 18.12.

Dossier im Bluetenleser (mit Radio- und Fernsehsendungen)


67. Grenzübertritt

Gerald Zschorsch legt mit "Torhäuser des Glücks" sein lyrisches Gesamtwerk vor

Ihn hätte man 1989 zitieren können: "Und warten nah der Grenze/mit Lied und mit Gedicht/dass durch die vielen Strophen/die Mauer einmal bricht". "Grenzübertritt" heißt das Poem mit seinem naiven Hoffnungsüberschuss. Es wurde zuerst 1977 in Gerald Zschorschs lyrischem Debüt Glaubt bloß nicht dass ich traurig bin abgedruckt und erscheint nun wieder in der poetischen Gesamtschau Torhäuser des Glücks. Bündig sind die frühen Gedichte. Isoliert stehen sie da im Kanon der siebziger Jahre, dieser von Aufbruch und Restauration gleichermaßen bestimmten Dekade. Und doch auch wieder nicht so isoliert, um der einschlägigen, den Topos der Vereinzelung feiernden Legendenbildung Vorschub zu leisten. / JAMAL TUSCHICK in fhoelders lyrikecke


66. Dissidenten freigelassen

Der vor anderthalb Jahren verhaftete und zu 20 Jahren verurteilte kubanische Schriftsteller Raúl Rivero ist Ende November überraschend freigelassen worden, berichtet die NZZ am 18.12.:

Als Nachfolger von Kubas Nationaldichter Nicolás Guillén wurde Rivero bis weit in die achtziger Jahre in Kuba gehandelt. Er selbst dagegen hat seine frühe Lyrik einmal spöttisch im Gespräch als «Reime für die Revolution» bezeichnet.

Mehrere Gedichtbände hat er in Kuba veröffentlicht, doch mittlerweile erscheinen die Verse des laut Norberto Fuentes besten kubanischen Lyrikers längst nur mehr im Ausland. Bis Ende der siebziger Jahre galt Rivero als linientreuer Dichter und Journalist; er wurde unter anderem als Bürochef von Prensa Latina, der kubanischen Nachrichtenagentur in Moskau, eingesetzt.

Riveros Homepage


65. Vergleichende Länderkunde

Ist´s auch nicht Lyrik, hat es doch Bedeutung: In der NZZ vom 18.12. berichtet der polnische Regisseur Erwin Axer über Friedrich Dürrenmatts Beziehung zu Polen:

Sein Schweizer Schicksal schwankte. Grosse Erfolge, frühes Geld, relativ früh blendende Triumphe im Wechsel mit Misserfolgen und Katastrophen. Er sprach zu viel Schockierendes aus, zu viele Bosheiten, erwarb mit sakrilegischen Einfällen eine zu grosse Berühmtheit, um nicht mächtige Feinde zu haben. Banker und Waffenproduzenten pflegen gemeinhin hohe Moralvorstellungen und mögen es nicht, wenn ihr persönlicher oder der nationale Ruf angetastet wird. Und sie haben für Nestbeschmutzer nicht viel übrig. Deutschland wiederum verfügte zwar über den grössten Theatermarkt, aber die deutsche Presse, die über Erfolg oder Misserfolg entschied, war launisch, mal grosszügig lobend, mal nörgelnd, also unverlässlich und unbeständig. Und ihres Spielzeugs rasch überdrüssig. Daher war Warschau, das eins seiner Stücke nach dem anderen aufführte, wo der Autor eine feste und hohe Position im Herzen des polnischen Publikums und in den polnischen Medien innehatte - für ihn reiner Honig.


64. Anhaltendes Tremolo

Wie ein anhaltendes Tremolo legen sich die Mayröckerschen Gedichte über die Prosabücher; in manchen Fällen greifen sie das dort vorhandene Wortmaterial auf, um es in schnellerer Form zu verarbeiten - ganz so, als ob die jeweilige Wendung vor lauter Ungeduld gar nicht darauf warten könnte, ihren späteren Platz im Prosazusammenhang zu finden. So entstehen die Mayröckerschen Gedichte in Permanenz und bleiben dabei von Bandvorgaben oder anderen Imponderabilien des Buchmarktes weitgehend unberührt. / Klaus Kastberger, Die Presse 18.12.

Friederike Mayröcker: Gesammelte Gedichte 1939 bis 2003 Hrsg. von Marcel Beyer. 856 S., geb., ? 28,60 (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/ Main)


63. Philo-Sophia

Von Sappho bis Meret Oppenheim gehen die klugen Aussprüche von Frauen, wie dieser von Letztgenannter:

Man sollte sich daran erinnern, dass es Eva war, die zuerst vom Apfel am Baum der Erkenntnis, also des bewussten Denkens, gegessen hat. / Rhein-Main-Presse 17.12.

Gesammelt in

Marit Rullmann (Hg.): Sophias Weisheiten. Christel Göttert Verlag 2004, 144 Seiten, 11,80 Euro (ISBN 3-922499-74-0).


62. Humor

Wo bleibt denn der Humor? Lesung Peter Rühmkorf. 21.12. Berlin, Literarisches Colloquium, Tel. (030) 81 699 60.


61. Herumgerührt

"Gert Westphal rührt in Mörike rum" , sagt Tobias Steinkuhl über

EDUARD MÖRIKE: Im Traum verloren. Gelesen von Gert Westphal. Deutsche Grammophon, Berlin 2004, 1 CD, 77 Minuten, 15,90 Euro. / SZ 16.12.


60. Radio-Dokumentation über Rilke vollständig online

MIT DEN ZITATEN von Tom de Toys (Sprechsänger "Das Rilke Radikal") aus Anna Schattkowskys Feature bei "Musenkuss" (c/o UniRadio Berlin 87,9 Mhz), 14.11.2004 "on air":

Auszug aus der wörtlichen Nachschrift:

Die Faszination kann ich verstehen, ja, so das Bedürfnis eben nach Spiritualität, das vordergründig gesehen eben erfüllt oder befriedigt wird mit solchen pathetischen, metaphernreichen Reimen, die halt sehr wohlgefällig daherkommen und einem erstmal ganz gut unter die Haut gehen so. Aber dahinter steckt halt ein anderes Weltbild, äh, ein anderes Lebensgefühl, als ich das heute habe. Und wenn ich ihn lese, spüre ich halt eine, spüre ich eine Art, ähm, ja vielleicht sogar MYSTISCHE ATMOSPHÄRE, auf jeden Fall eine religiöse. Ich bin aber nicht religiös in diesem klassischen Sinne. Das Lebensgefühl, was ich heute habe, das findet sich in Rilke halt deshalb nur zur Hälfte, nämlich in der Atmosphäre, die er verbreitet, aber in der Technik und in der Sprache, in den Wörtern, die er benutzt, da finde ich es überhaupt nicht." / "Das ist vielleicht einfacher, wenn man nicht so direkt konfrontiert und Rilke konfrontiert einen ja nicht direkt mit dem lieben Gott oder mit eben der Unendlichkeit oder der Leere, sondern er umschreibt die so wohlgefällig, daß sie einem süßlich auf der Zunge zergeht. Und dieses süßliche Auf-der-Zunge-Zergehen das ist zwar SCHÖN, das tut GUT, das ist wie ein Bonbon, aber man kann ja auch nicht die ganze Zeit Süßigkeiten essen!" / "Das ist für mich das Überholte an ihm, das ist für mich das Nicht-Zeitgemäße an ihm, daß er geschlossene Einheiten bildet, in die man eintauchen kann, aber die in sich drin ruhen, innen wegsacken wie so ein Sog nach innen. Und was ich brauche, ist ein Sog nach außen im Grunde, das ist ein Sog, der -meinetwegen bei dem Wort 'Unendlichkeit'- dazu führt, daß in meinem Kopf tatsächlich sich etwas öffnet und die Unendlichkeit von ganz innen nach außen ins echte Unendliche überschwappt - und das passiert mir bei ihm nicht: Da bleib ich in einem Kokon, in einer Höhle. Das ist, mhm, fast schon ein bißchen magisch.

Online: http://www.kuenstlernetz-neukoelln.de//


59. Nordlicht

Ein Vergessener mehr: Dicke (& teure) Gelegenheit zum Nachholen bietet jetzt eine monumentale Ausgabe des Hauptwerks von Theodor Däubler:

Drei Bände umfasst die Ausgabe des ¸¸Nordlichts", das jetzt zum ersten Mal in einer historisch-kritischen Edition vorliegt. Darin werden zwölfhundert Seiten vom Gedicht allein gefüllt - und was es dabei alles zu lesen gibt: ¸¸Es schwellt der Orange benebelnder Duft", heißt es darin über Neapel, ¸¸Fast heimlich herbei und berauscht meinen Sinn, / Es kühlt stiller Lorbeer die windstille Luft / Und Myrthen enthaucht es, kaum merkbar: ich bin!" Wie kühn hier mit dem ¸¸o", dem ¸¸e", dem ¸¸i" und dem ¸¸ei" umgegangen wird! Kein Wort, keinen Einfall, keinen Reim gibt es, der diesem Dichter auch nur den geringsten Widerstand entgegensetzen könnte. Er ist ein gewaltiger Meister des Klangs, des Versmaßes und des Reims, so virtuos wie Rainer Maria Rilke, aber ohne dessen späte Gebrochenheit, ohne dessen Charme, ohne dessen philosophische Feinheit. / THOMAS STEINFELD, SZ 17.12. (mit einem Däubler-Porträt von Otto Dix)

THEODOR DÄUBLER: Kritische Ausgabe. Band 6.1., 6.2. und 6.3. Das Nordlicht. W.e.b. Universitätsverlag Thelem, Dresden 2004. 583, 610, 238 Seiten, 204 Euro.


58. Erfindung der Musik

Schon wieder eine archäologische Sensation: Die FAZ berichtet am 16.12. ausführlich über eine erstaunliche Entdeckung. Ein Mitte der 70er Jahre in der Schwäbischen Alb gefundenes verziertes Elfenbeinstabfragment entpuppte sich jetzt als Teil einer Flöte. Aus insgesamt 31 ähnlich verzierten Stücken ließ sich eine kleine Flöte zusammensetzen (Die Zeitung druckt eine vergrößerte Abbildung über die ganze Seitenlänge). Die Fundschicht ist etwa 35.000 Jahre alt. (Demnach hätten die Schwaben die Musik erfunden?)

Paßt mir fast ebenso sehr ins Konzept wie der Sappho-Fund neulich. Denn zur gerade erfolgten Neugestaltung dieser Seite gehört das stilisierte Abbild einer antiken Flötenspielerin. Was hat die Flöte mit Lyrik (oder mit POEsie?) zu tun? Bekanntlich hat die "Lyrik" ihren Namen von der Lyra, einem antiken Saiteninstrument. Nur ist Lyrik nicht gleich Lyrik. Denn im archaischen Griechenland war die Lyrik keine "Narturform" oder Hauptgattung der Literatur (die Gattungstrias erscheint überhaupt erst im Pleistozän, sprich: im 18. Jahrhundert). Martin Opitz (1624) wußte darüber ebenso wenig wie 16 Jahrhunderte vor ihm Horaz. "Lyrik" war für beide ein kleiner Teil dessen, was wir seit gut 250 Jahren so nennen. Kein Sonett, keine Elegie, kein Epigramm, keine Hymne, kein Hirtengedicht gehörte dazu. Elegie war ursprünglich eine Art von Gedichten, die von der Flöte begleitet wurden - so wie die Lyrik von der Lyra. Elegie in diesem archaischen Sinn ist älter als die Lyrik im engern wie weiteren Sinn. Also ist die Flöte - näher am Ur-Sprung - das passende Instrument für diese Zeitung. Schließlich heißt ihr Programm die tödliche (und nicht die mäßige) Dosis. Danke, FAZ!


57. Netzkunst

Die SZ vom 17.12. bespricht einen Band zur Netzkunst:

JOHANNES AUER (Hrsg.): $wurm=($apfel>0= ? 1:0 - experimentelle literatur und internet. memoscript für reinhard döhl. update verlag, Zürich und Stuttgart 2004. 187 Seiten, 26 Euro.


56. Geistige Gummibärchen: Uneigentlich

Die FAZ trennt bekanntlich scharf zwischen Information (Antiqua) und Kommentar ("Fraktur reden"). Naja, ein bißchen wird man schon dann und wann andeuten dürfen - wenn man´s nur poetisch verpackt. Beliebt sind subtile Anwendungen uneigentlicher Rede - bildlicher Ausdrücke. Überschrift zu dem Aufmacher-Bericht über das zu erwartende Scheitern (ja, ja) der deutschen Konservativen in Sachen "privilegierter Partnerschaft" der Türkei:

"Der Bundestag billigt den EU-Kurs auf Eurasien"

Na denn: gute Fahrt! (Hals- und Beinbruch?)

/ FAZ 17.12.

Auch die Süddeutsche macht mit dem Thema auf, und auch sie im Bilde, wenn auch in umgekehrter Fahrtrichtung:

EU öffnet der Türkei die Tür nach Europa

Geistige Gummibärchen ist eine lose Folge zur Poesie des Medienspeak.


55. No poetry

Anders als bei den 100 schaffte es kein Gedichtband unter die besten 10 Bücher des Jahres laut New York Times. Halbwegs einschlägig ist allein ein Sachbuch: Bob Dylans Chronicles I. / New York Times 12.12.

Die Rezension des Dylan-Buches in der NYT*) vom 24.10.

Poesie (wenn auch nicht "Lyrik") schaffte es zuletzt vor vier Jahren - das einzige Gedichtbuch überhaupt seit 1996:

Beowulf:*) A New Verse Translation
By Seamus Heaney


54. Wie Friederike Mayröcker dichtet

Ich schreibe eigentlich ununterbrochen Gedichte. ... Ich möchte noch weltoffener arbeiten als bisher, sozusagen einen Fotorealismus einführen in die Gedichte, gemischt mit einer Art von Magie, die immer schon in allen meinen Sachen drin ist - und natürlich auch meine Versuche, mit Montagetechnik die Sache dann etwas aufzulockern. Das heißt, es ist also alles Mögliche versammelt in diesen Gedichten. Es ist in einigen Gedichten schon da, aber es schwebt mir noch sehr viel radikaler vor. / Die Presse 16.12.

Im übrigen nennt auch Die Presse sie mindestens auf der Webseite zweimal "Elfriede", Freudsche Versprecher? "Lieben Sie Elfriede, oder lieben Sie Poesie?" (O des delfinischen Orakels!) / 49

(Gegen Mittag übrigens war der Fehler behoben. Bildschirmschnappschuß des Zustands von heute früh hier.)


53. Wie Frauen im Islam dichten

In Andalusien gelangte arabische Frauenlyrik vom 9. bis 14. Jahrhundert zu schönster Blüte, weil dort mildere Sitten herrschten als im arabischen Mutterland. Im Irak des 9. und 10. Jahrhunderts gab es Mystikerinnen, die ihre Gottesliebe in Versen ausdrückten. In der hohen arabischen Literatur des 9. Jahrhunderts gab es berühmte Klagelieder von Dichterinnen, auch wenn deren Namen unbekannt sind. Die wichtigste Gruppe von Dichterinnen bestand allerdings aus Singsklavinnen, die an Höfen und Palästen eine Rolle spielten. Im Übrigen waren die Chancen für weibliche Lyrik in den vom Islam eroberten Ländern Asiens besser als im arabischen Sprachbereich. So stammt ein grosser Teil der Gedichte in der Anthologie aus dem Türkischen, Persischen, Usbekischen und Urdu. ... Aus Verzweiflung über die Zerstörung ihrer geliebten Heimat entringt sich der afghanischen Dichterin Shekûfe Bahâr der Wunsch: «Meine Augen sollt zum schönen Balch ihr bringen . . . / Macht aus meinen Knochen Lehm und Mörtel, Steine, / Um zum Aufbau Kabuls morgen sie zu bringen. / Hundert Küsse liebevoll von meinen Lippen / Sollt auf Stein um Stein ihr ins Gebirge bringen, / Und sollt mein Gedicht, das Saum um Saum sich auftut, / Zum Erblüh'n der roten Steppentulpen bringen.» / Katharina Mommsen, NZZ 16.12.

Annemarie Schimmel: Ein Buch namens Freude. Gedichte von Frauen aus der islamischen Welt. Verlag C. H. Beck, München 2004. 192 S., Fr. 43.70.


52. Warum nicht Born?

Der vor 25 Jahren verstorbene Dichter Nicolas Born fühlte und schrieb wider das linke Klischee

schreibt MICHAEL BRAUN in der FR vom 15.12.:

Peter Handke hat einmal in einem Gedenkblatt die Frage gestellt, warum denn über die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel begeistertes Geschrei herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage (noch immer) ist, bewiesen im vergangenen Jahr unfreiwillig die Autoren der heftig diskutierten Anthologie Lyrik von Jetzt (DuMont Verlag), die in devoten Reminiszenzen den wilden Poeten Brinkmann hochleben ließen, während sie den lyrisch komplexeren Nicolas Born gründlich vergessen hatten.

Nicolas Born: "Gedichte." Hrsg. von Katharina Born. Wallstein Verlag, Göttingen 2004, 664 Seiten, 34 Euro.

Passend: am 15.12. bringt das Gedicht des Tages von Hugendubel ein Gedicht aus der Anthologie "Lyrik von Jetzt"

Mehr: Badische Zeitung 4.12. / Berliner Zeitung 9.12.

Born-Texte im Internet (lohnt sich!)


51. Google startet durch

Nachtrag zu Meldung Nr. 48: Google will 15 Millionen Bücher digitalisieren, melden die Zeitungen. Darunter die kompletten Bestände der Universitäten von Stanford und Michigan sowie ausgewählte Bücher aus Harvard und der Bodleian-Bibliothek in Oxford sowie der öffentlichen Bücherei von New York.

Bericht in der New York Times *) vom 14.12.

 

 

 

In diesem Monat (zweite Hälfte) über

(zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern)

Erste Hälfte im Archiv

Afghanistan: 53
Ägypten: 80
Al-Azhar: 80
Andalusien: 53 80
Anthologien: 52 53 98
Antikriegsgedichte: 83
Antisemitismus: 84
arabische Lyrik: 53
Beowulf: 55
Berlin: 62
"Das Gedicht": 81
Deutsch-Deutsches: 101
Deutschunterricht: 86
Dichterstimmen: 72
Dürrenmatt: 65
Elegie: 58
Erfolg: 65
Experiment: 57
Feuilleton: 65
Flöte: 58
Frauen: 53 63 104
Gattungen: 58
Geistige Gummibärchen: 56
Heimatdichter: 84
Intellektuelle: 102
Internet: 51 57
Islam: 53 80
"Ist´s auch nicht Lyrik": 65 80 101
Kuba: 66
Leipzig: 98
Lesen: 72
Lyra: 58
Lyrik: 55 58 86
Lyrikbegriff: 58
"Lyrik von Jetzt": 52
Lyrik-Zeitung & Poetry News: 58
Markt: 65
Moderne: 73
Musik: 58
Nachdichtung: 79
Nazilieder: 94
Netzkunst: 57
Österreich: 88
Poetry Slam: 75
Poets against the war: 83
Ranking: 55
Rilke-Radikal: 60
Sontag: 102
Sprachskepsis: 88
Ukrained: 95 103
USA: 55 71
Weihnachten: 76 93 94
Wiesbaden: 75

Adonis: 97
Andruchowytsch, Jurij: 103
Arnim, Bettina von: 99
Ar-Rahman I., Abd: 83
Ar-Rahman III, Abd: 83
Bahâr, Shekûfe: 53
Benn, Gottfried: 92
Borchardt, Rudolf: 79
Born, Nicolas: 52
Brentano, Clemens: 99
Brinkmann, Rolf Dieter: 52
Brodsky, Joseph: 76
Däubler, Theodor: 59
Dietz, Rudolf: 84
Döhl, Reinhard: 57
Eliot, T.S.: 73
Enzensberger, Hans Magnus: 86
Ferry, David: 85
Fink, Wilhelm: 92
Hahn, Ulla: 78 89
Hamill, Sam: 83
Heaney, Seamus: 55
Heise, Hans-Jürgen: 82
Herbert, Zbigniew: 91
Hille, Peter: 100
Jelinek, Elfriede: 54
Jong, Erica: 104
Karadzic, Radovan: 90
Lee, Li-Young: 73
Leitner, Anton G.: 81
Lentz, Michael: 74
Loetscher, Hugo: 96
Maurer, Georg: 98
Mayröcker, Friederike: 54 64 68 69 74
Millay, Edna St. Vincent: 79
Mörike, Eduard: 61
Niedecker, Lorine: 73
Oleschinski, Brigitte: 105
Opitz, Martin: 58
Oppenheim, Meret: 63
Petrosanjak, Halina: 103
Plath, Sylvia: 104
Rilke, Rainer Maria: 59 60 78
Rivero, Raúl: 66
Rühmkorf, Peter: 62
Schadan, Sergij: 95
Schmatz, Ferdinand: 77
Suárez, Virgil: 72
Toys, Tom de: 60
Zschorsch, Gerald K.: 67

 

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