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105. Oleschinskis Sprachreise "Wie Gedichte denken", so hat Oleschinski ihr Poetik-Projekt mit Urs Engeler (2002) betitelt. Darin hieß es programmatisch: "Es ist nicht dieses Ich-Sagen, für das ich schreibe." Die neuen Texte, ein scheinbar unregierter Sprachfluß, machen vor, was das heißen kann: in einer Sprachlogik, die Abschied nimmt oder "eben heraufdämmert", je nachdem, "infiziert von Wörtern und Gedächtnis". ... "Auf dem Nachtrücken, rücklings nackt" - die erste Zeile des Bandes ruft gleich ein mythisches Bild auf, die Erwartung eines Gottes etwa. Gleich darauf kommen das Genlabor, die Notaufnahme, die Bankenzentrale in den Blick. Dichterische Arbeit also ist nötig, um - wie es der syrisch-libanesische Dichter Adonis programmatisch fordert - eine menschliche Moderne vorstellbar zu machen. Kann das glücken? Die Gedichte sind zugleich eine Sprachreise. Man kann sie kaum verstehen. Doch man soll sie auch nicht übersetzen wollen. / Alexander von Bormann, Die Welt 31.12.
So, damit wird die Ausgabe L&Poe 2004 abgeschlossen, Schluß, aus! Und auf bald, 05! 104. Einbruch in eine urmännliche Angelegenheit Die "Welt" druckt in der Silvesterausgabe eine Übersetzung von Erica Jongs Besprechung der "Restored Edition" von Sylvia Plaths "Ariel" aus der New York Times *) vom 12.12.. Darin erzählt sie, wie Ted Hughes sie einmal fast verführt hätte und wie sie bei der feministischen Orthodoxie aneckte, vor allem aber beschreibt sie die ungeheure Wirkung dieser Gedichte in den sechziger Jahren:
103. Ukrainische Literatur heute In Deutschland ist nur Jurij Andruchowitsch mit seinem essayistischen Werk (Suhrkamp) bekannt, in der Anthologie wartet er mit Gedichten auf. Drei weitere »Stanislawer« sind Tymofi Hawriliw, der Einzige, der sowohl mit Prosa als auch mit Gedichten vorgestellt ist, Taras Prochasko mit Fragmenten aus seinem Roman Neprosti, einer Familiensaga vor den Kulissen der galizischen Karpaten, und Halyna Petrosanjak, eine wirklich interessante Lyrikerin, die als »Dichterin der Karpaten-Exotik« gilt. In einem Artikel über das Stanislawer Phänomen schreibt Andruchowitsch, dass sie aus einem entlegenen Karpatendorf stamme, hinter dem »nur Bären und die rumänische Grenze und weiter nur Siebenbürgen, die Heimat der Vampire, kommen«. Tatsächlich bedürfen diese Gedichte einer solch exotischen Werbung nicht, sie sind einfach gut. / Olga Martynova, Die Zeit 1/05
102. Susan Sontag Alle Zeitungen schreiben am 30.12. über den Tod von Susan Sontag. Unschlagbar das Dossier*) der New York Times mit den zeitgenössischen Besprechungen aus vier Jahrzehnten (durchaus nicht nur freundlich) sowie Essays, Interviews und mehr. Hier ein Zitat aus dem Nachruf von Fritz J. Raddatz in der Zeit:
Die Süddeutsche druckt ihre Antworten auf einen Fragebogen 1997:
101. Ists auch nicht Lyrik**...: Ostdeutscher Schriftsteller Detlef Friedrich kommentiert den erwarteten Rücktritt von Christoph Hein von der Leitung des Deutschen Theaters vorab***) in der Berliner Zeitung vom 29.12.:
**) Ist´s auch nicht Lyrik, hat es doch Bedeutung: hieß es in Nachricht 65 vom Dezember 2004. Nun ist es eine neue Rubrik in (sehr) loser Folge. ***) und am 30. reagieren alle getroffenen Hunde mit mehr oder weniger Häme 100. Freier Teufel mit Zukunft [Peter] Hille, dem seine Ungebundenheit zeitlebens über Wohlstand ging ("Besser ein freier Teufel als ein gebundener Engel"), [formulierte] die langgehegte Erwartung seines Reüssierens in der grammatikalischen Form des Futurs: "Ich bin ein Geistesfaktor, mit dem man zu rechnen haben wird."/ Hendrik Werner in der Berliner Morgenpost vom 29.12. über den vor 150 Jahren geborenen und vor 100 Jahren auf dem Bahnhof Zehlendorf gestorbenen Dichter Peter Hille 99. Außerkohren Alexander von Bormann bespricht in der FR vom 29.12.
98. Den Musen bittere Stadt "Während ich ein Gedicht auf ein Stück Papier kritzelte, rief mir sehr unmelodisch der Besitzer eines Schrebergartens zu (die Pleiße trennte uns), dass man mich schon lang beobachtete, wie ich mir immer Notizen mache, wo und was auf den Beeten und an den Obstbäumen wachse, damit ich dann nachts in den Gärten umso zielsicherer einbrechen könne, um Früchte und Gemüse zu klauen. Es bedurfte eines längeren Gesprächs, immer über die Pleiße hinweg, um dem Mann klarzumachen, dass es mir um die Poesie ginge. Ich musste das laut schreien. Und in der Tat beruhigte sich der Mann, begann sich plötzlich für Poesie zu interessieren und lud mich sogar ein." So erlebte der Dichter Georg Maurer Leipzig ... / Leipziger Volkszeitung 28.12.
97. Adonis 75 Der syrische Dichter mit dem selbstgewählten griechischen Namen wird 75. Die Wiener Zeitung informiert schon am 28.12.:
96. Hugo Loetscher 75 Warum, drängt sich die Frage auf, findet ein Schriftsteller, dessen ausgreifendes Gesamtwerk durch Überfülle, durch "die Pluralität der stilistischen und gattungsmäßigen Möglichkeiten" (Anton Krättli) bestimmt ist, im Alter zur gedrängtesten literarischen Gattung, zur Lyrik? Die Anmutung eines Antwortversuchs geben Verse aus seinem titelgebenden Zyklus Es war einmal die Welt: Auch ich hab den Poeten verscharrt / und mein Gesicht / dem Wetter hingehalten / daß niemand weiß / nicht einmal ich / ist es genäßt / vom Regen / oder von den Augen. ... Lötscher greift in der Metaphernbildung mit Vorliebe auf christliche Ikonographie zurück, warum auch nicht; nur verbleiben die Bildfindungen ganz und gar im Raum des Erwarteten und Konventionellen. Die Vorfreude auf ein gutes Gedicht, die darin besteht, dass es überrascht, verstört, in Ungesehenes verführt, muss in dieser Hinsicht so weitgehend enttäuscht werden. Hingegen überzeugt Loetscher dann doch wieder in markanten Sequenzen, in denen sich die Essenz bündelt von Lebenserfahrung und Todesahnung, Sprachskepsis und lebenslanger Sehnsucht, aus dem Kerker des Ich wenigstens in der Liebe Ausgang nehmen zu können. Und dergestalt leuchtet er tatsächlich den Raum des Gedichtes so aus, dass dieses Licht unnachahmlich schatzbehaltende Erinnerung umranden kann: Wenn müßig alles Tun/warum nicht gleich/das Aussichtslose: das Gedicht//und falls kein Ganzes/doch vielleicht ein Vers/und sei´s/im Maß der Krücken -// zweimal kurz/das Hinken/und einmal lang/das Schleifen." / Peter Geist, Freitag 53
Außerdem eine Gratulation von Ingo Arend zum 75. 95. Sergij Schadan, der populärste junge Lyriker der Ukraine, kommentiert für die SZ am 24.12. die "Apfelsinen-Revolution". 94. Hitler-Nacht Noch eine Weihnachtslied-Nachricht, die "unglaublich" zu nennen nur die Erfahrung verbietet. "Weihnachten wie´s früher war" verspricht eine CD und hält es auf impertinente Weise, bietet sie doch
93. Stille Nacht Deutsche Leitkultur oder doch Multi? In der Heiligabendausgabe der SZ erzählt Timothy Garton Ash die Geschichte des bekanntesten Weihnachtsliedes der Welt - nicht Jingle Bells, sondern Stille Nacht. Mehr als 300 Versionen soll es geben - hier gibt es 180 in 121 Sprachen. Dies der Text der ersten Strophe auf Taiwan-Chinesisch:
92. Benns Stimme von Hanns-Josef Ortheil beschrieben:
Leserbrief:
91. Zbigniew Herberts Lehrer Herbert behauptete, Elzenbergs 1963 erschienenes Werk «Kummer mit dem Sein» habe auf ihn einen kolossalen Eindruck gemacht, doch auch darin spürte man höfliche Zurückhaltung. Vielleicht lag es an ihrer doch recht unterschiedlichen Weltanschauung, daran, dass Herberts Pessimismus und Elzenbergs ethische Unbeugsamkeit kaum wirklich miteinander auskamen. In dieser Zeit war auch ihre Korrespondenz nur noch sporadisch. Was beide weiterhin verband, war die Erinnerung an das gegenseitige Vertrauen und die Verachtung der Dummheit und Primitivität. Und die gemeinsame Sorge um den Zustand der Welt, in der Herbert oft den Rat seines weisen «Herrn Cogito» einholte, während Elzenberg weiterhin sein Tagebuch führte «eines der wenigen Bücher», so sein Freund, der Dichter, «das den Leser zu einem besseren Menschen werden lässt». / Marta Kijowska, NZZ 24.12.
90. Gewagte Lyrik / Karadzic und sein Leib Radovan Karadzic, seit neun Jahren auf der Flucht vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal, verfasst nicht nur Kinderbücher, sondern auch weitschweifige Epen und gewagte Lyrik, die der Karadzic-Exeget Zelidrag Nikcevic "erhaben und prophetisch" nennt. Als sein Buch ?Vom verrückten Speer zum schwarzen Märchen" 2002 von der Kritik mit gemischten Empfindungen bedacht wurde, erklärte sein damaliger Verleger, Zarko Ruzic: "Karadzic ist ein wichtiger serbischer Poet, der nur durch Zufall in die Politik geriet. Man hat ihn nachgerade dazu gezwungen." Eines der frühen Karadzic-Gedichte vermittelt die für Despoten bittere Einsicht: "Die Welt ist eine ungehorsame Harfe." Verse wie "Ohne deinen Leib/existiert diese Landschaft absolut nicht", lesen sich aus der Feder eines wegen Genozid in Bosnien Gesuchten wenig poetisch. / Caroline Fetscher, Tagesspiegel 27.12. 89. Ulla Hahn im Radio Nordwestradio 26.12. 15.05 Uhr 88. Sprachspielarbeiter Seit Hugo von Hofmannsthals fiktivem Lord Chandos 1902 die Worte «wie modrige Pilze» im Munde zerfielen und zeitgleich Fritz Mauthners epochale «Beiträge zu einer Kritik der Sprache» erschienen, laboriert Österreichs Literatur an endemischer Sprachskepsis. Welche Fruchtbarkeit das zweifelnde Leiden zeitigt, dokumentiert die Anthologie «Zur Sprache». Zusammengestellt von der Österreichischen Mediathek (die seit 1960 Klangzeugnisse aufzeichnet und archiviert), präsentiert der Sampler 18 Sprachspielarbeiter. / NZZ 22.12.
87. Sainte-Beuve Er schrieb Gedichte und einen Roman - aber die Nachwelt kennt ihn bestenfalls als Kritiker: Sainte-Beuve. Als er starb, schrieb Gustave Flaubert: «Wieder einer weg! Die kleine Schar schrumpft. Die wenigen Überlebenden auf dem Floss der Medusa verschwinden. Mit wem jetzt über Literatur reden? Der dort liebte sie - er war ja nicht gerade mein Freund, aber sein Tod trifft mich tief. Das schreibende Frankreich verliert in ihm einen, der nicht zu ersetzen ist.». Zu seinem 200. Geburtstag schreibt Werner Weber in der NZZ vom 23.12. 86. Lyrikparadies im Konjunktiv Hätten wir alle doch solch einen Deutschunterricht gehabt, wie ihn uns Andreas Thalmayr in diesem Hörbuch vorexerziert! Wir wären alle begeisterte Lyrik-Leser und -Hörer geworden, würden, anstatt auf den neuesten Harry Potter, fieberhaft auf den neuesten Gedichtband von Sarah Kirsch warten, die, kaum erschienen, die ersten Plätze der Bestsellerlisten eroberten, und nur die schlechten Poeten und Reimeschmiede wären gezwungen, ihr Brot im Rundfunk oder als Rezensenten zu verdienen. So vergnüglich, wie wir von Andreas Thalmayr oder - pardon - von Hans Magnus Enzensberger, der, wenn man genauer hinsieht oder hinhört, natürlich hinter ihm hervorkommt - die Verslehre, die Reimformen, die stilistischen Kunstfertigkeiten des Dichters erzählt bekommen, so spannend, wie er uns die kühnen Tricks und Kniffe Gottfried Benns oder Kurt Schwitters vorführt, und so verführerisch, wie er uns zum eigenen Gedichteschreiben ermuntert - das hat es wohl noch nie in der deutschen Literaturgeschichte gegeben. / Gert Ueding, Die Welt 24.12.
85. Slate Ent-Microsoftet? Microsoft hat das Online-Magazin Slate an die Washington Post verkauft, meldet die FAZ am 23.12.. Fein, dann werden sie hoffentlich ihre Gedichtlesungen auf ein Format umstellen, das nicht nur auf Windowsrechnern läuft? Dies zum Beispiel:
84. Kein Nazi Der nassauische Heimatdichter Rudolf Dietz ist - spät, spät - ins Gerede gekommen. Darf eine Schule seinen Namen tragen? Von seinen über 1000 Gedichten sind "dreißig bis maximal fünfzig" als antisemitisch zu bezeichnen - nicht schön, aber ähnlich wie "unsere Türken- oder Asylantenwitze, die nicht nur auf den Fastnachtssitzungen zu hören sind", sagt der mit einem Gutachten betraute Karlsruher Professor Steinbach. Aha, naja. Dietz trat 1933 in die NSDAP ein, aber eigentlich war er kein Nazi. Wer tat das nicht, wer war das schon? Mitläufer, sagt die Spruchkammer. Hitler, der ist es gewesen/ Wiesbadener Tagblatt 22.12,. Kleine Leseprobe:
(Und, uff, wie bin ich froh, dasses kein pommerscher Dichter war, kein Greifswalder Professor, joi! Wetten, daß das landesweit Beachtung gefunden hätte?) 83. Sam Hamill Der amerikanische Dichter Sam Hamill verläßt den - von ihm vor 32 Jahren gegründeten - Verlag Copper Canyon Press, einen wichtigen Lyrikverlag. Er teilte mit, daß er sich auf seine Organisation Poets Against the War konzentrieren wolle. Zur Gründung dieser Organisation kam es, als er eine Einladung der First Lady Laura Bush zu einem Poesiesymposion kurz vor Beginn des Irakkrieges ausschlug und stattdessen dazu aufrief, Antikriegsgedichte an das Weiße Haus zu schicken./ Peninsula Daily News 15.12. 82. Mischpult Nein, ihren Reiz haben die ausgewählten essayistischen Schriften nicht dort, wo sie mit apodiktischer Gebärde auftreten und allgemeine Gesetze zur Dichtung, zumal zur Lyrik, dekretieren, sondern dort, wo sie Erläuterungen und Seitenstücke zur eigenen Dichtung Heises sind. Sein Leben lang sei er ein gefräßiger Leser gewesen, gesteht er. / Walther Hinck, FAZ 20.12.
81. Missionar der Poesie sagt die Deutsche Welle über den Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht", und:
Im Zofinger Tagblatt vom 22.12. eine Besprechung:
80. Ist´s auch nicht Lyrik...**): Wie Al-Azhar die Welt sieht Fundstück aus dem monatlichen Newsletter von Egypt today, Dezember 04: Unter der Überschrift "The world according to Al-Azhar" (der Kairoer Universität, die als die führende Universität der Sunniten gilt), zitiert der Autor einige besonders skandalöse Blüten aus einer Untersuchung der Lehrinhalte von Al-Azhar durch den Reform-Vordenker Dr. Khaled Montasser - wie diese: Ein Ehemann ist nicht verpflichtet, seiner Frau einen Sarg zu bezahlen. Warum? Die Verpflichtung des Ehemanns, den Körper seiner Frau zu kleiden, ist eine Gegenleistung für die Freude, die sie ihm gibt; und eine tote Frau gibt bekanntlich keine Freude. ...???!!! Großer Abd ar-Rahman, wenn du das hörst im Paradies, fahre darein und hilf deinen bedrängten Brüdern und Schwestern im Glauben!***)
79. Die Entdeckung Amerikas durch Rudolf Borchardt In einer sehr schön gedruckten und ausgestatteten, vom Lyrik-Kabinett München veranlassten Publikation wird die Dichterin Edna St. Vincent Millay direkt und indirekt vorgestellt, nämlich einerseits in Originaltexten und durch Essays von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp, andererseits als Lese-Erlebnis und Übersetzungsproblem Rudolf Borchardts, das von dem Herausgeber Gerhard Schuster erläutert wird. Die Amerikanerin Edna St. Vincent Millay (1892-1950) hat in den zwanziger, dreissiger Jahren als Lyrikerin wie als persönliche Erscheinung das literarische Publikum fasziniert, und Borchardt, der in seinem Urteil über Zeitgenossen, sofern er sie überhaupt zur Kenntnis nahm, grosse Strenge übte, hat zu seinem masslosen Erstaunen (wie aber hätte sein Erstaunen anders als masslos sein können?) festgestellt: «Die grosse europäische Poesie aller Jahrhunderte bis zu ihrem letzten, dem XIXten, hatte den Atlantik unterlaufen und war in Amerika in einer gewaltigen lyrischen Pyramide aus dem tauben Boden gebrochen . . .» ...Eine lehrreiche Lektüre auch für den, der an die überragende Bedeutung von Edna St. Vincent Millay nicht unbedingt glauben kann. / NZZ 5.12.
78. Rilke mit Vorliebe Keine Frage - Ulla Hahns Lyrik ist offener und ungeschützter, verletzlicher und privater geworden. Sie bevorzugt weiterhin die Anspielungen (Weimarer Klassik, Hofmannsthal und Rilke mit Vorliebe) und Mehrdeutigkeiten, reist nach wie vor mit einem beträchtlichen Gepäck an Bildung und Wissen, die sie als einen virtuosen poeta doctus ausweisen. / Hans Christian Kosler, NZZ 15.12.
77. babel, weiter Nur im Mittelteil, einer serpentinischen Sprachfahrt durch St. Petersburg, sprengt Schmatz die Textlogik mit altbekannter Kraft, werden die Verse tatsächlich zu «geleisen, / deren rippen aus stahl / vibrieren machen das herzen / durch dich, aber dünn - / und flott geht die rede / durch die gabe an stoffen». / Nico Bleutge, NZZ 15.12.
76. Brodskys Weihnachtsgedichte Olga Martynova bespricht in der NZZ vom 21.12.
75. Slam in Wiesbaden Ken Yamamoto gewann die Ausscheidung für den Grand Poetry Slam in Wiesbaden, meldet das Wiesbadener Tagblatt am 20.12.:
74. Wird welken wie Gras In der FAZ vom 20.12. gratuliert Michael Lentz zum 80. von Friederike Mayröcker:
73. Nicht unpersönlich In seiner Kolumne Poet's Choice geht Edward Hirsch der Tatsache nach, daß einige moderne amerikanische Autoren sich T.S. Eliots modernistischem Credo der Unpersönlichkeit (impersonality) widersetzten - am Beispiel von Gedichten über nahe Verwandte (zB von Lorine Niedecker und Li-Young Lee). / Washington Post *) 19.12. 72. Lesen! Im Prose Feature von Poetry Daily ein Gespräch mit dem 1962 in Habana/ Kuba geborenen, 1962 mit seinen Eltern emigrierten und seit 1974 in den USA lebenden Autor Virgil Suárez. Hier ein Auszug über das Lesen:
71. Lichtgestalten-CD: reVerse Luminaries such as Mark Strand, Li-Young Lee, Lou Reed, Lawrence Ferlinghetti as well as KC Clarke, Richard Fammerée, Kent Foreman, Sherrille Lamb, Linnaeus, Simone Muench, Alexi Murdoch, Elise Paschen, Cin Salach, and Marvin Tate are featured on a new CD called reVerse. From avant garde to gospel, lyric narrative to electronica, reVerse features pieces created by established and as emerging poets and songwriters. reVerse includes work by 14 artists from Chicago, Los Angeles, New York and San Francisco. For information and to purchase this $12 limited edition CD go to: 70. Erstaunliche Autoren Der Zürcher Limmat Verlag macht seit vielen Jahren schöne Bücher, ein herausragend intelligentes Programm, wir haben schon des Öfteren sein Lob gefiedelt. Jetzt ist hier eine Anthologie erschienen, die eine etwas mühselige Bezeichnung trägt: Gegenwartslyrik im Grenzraum Schweiz Italien; der Titel ist umso schwereloser: Das Gewicht eines gewendeten Blattes / Il peso di un foglio girato. Acht Autoren werden vorgestellt - allesamt nach 1950 geboren -, die in der südlichen Schweiz oder im nördlichen Italien leben (oder mal in Italien und mal in der Schweiz leben oder gelebt haben) und ihre Gedichte auf Italienisch schreiben. Ihre Wege kreuzen sich allesamt im Tessin, insofern könnte man auch von Tessiner Literatur sprechen. Das allerdings mag provinziellen Beiklang haben - was völlig abwegig wäre: denn wenn diese Lyrik etwas nicht ist, dann provinziell. Es sind erstaunliche Texte respektive Autoren. Einer von ihnen, Fabio Pusterla, ist im deutschen Sprachraum (dank Limmat!) kein Unbekannter, die meisten anderen Namen dürften dem deutschen Leser weniger vertraut sein. Acht verschiedene Wege, Stile sind hier versammelt, das versteht sich von selbst. Und doch gibt es Gemeinsames, wie die Herausgeber und Übersetzer Jacqueline Aerne, Orlando Budelacci und Thierry Greub bemerken: Es ist die Erfahrung der Grenze, der Sprach- und der Staatsgrenze, der sozialen Grenze, und das Verschwinden oder die Querung all dieser Grenzen in der Landschaft, in der Begegnung, der Bewegung. Es ist die Erfahrung von Endlichkeit und Auflösung aller Enden und Ränder. Es ist die Wahrnehmung der Linien, Wege, Zäune, Geleise. Der Übergänge, Nähte, Brücken. / Benedikt Erenz, Die Zeit 52
69. Mayröcker: Was fehlt Was uns des weiteren fehlt, ist eine Ausgabe aller Texte Friederike Mayröckers zu Hörspielen samt - es lebe die sich auf Rundfunkarchive stützende CD! - vorhandener Aufnahmen von bereits realisierten Hörspielen! Und da Hörbuch und Hördokumentation derzeit so auf dem Vormarsch sind: Wie wäre es mit einer Versammlung aller Aufnahmen von Lesungen Friederike Mayröckers, in denen wir ihre Annäherung an die eigenen Texte erfahren/erhören könnten? / Jörg Drews, SZ 20.12. 68. Freude am sperrigen Wort Mayröckers frühe Gedichte führten zunächst auf eine falsche Spur. Sie wirken so zart, dass Kritiker sich über die verträumte, feminine, ja "mädchenfrische" Dichterin freuten. Doch das so gelobte Lyrik-Talent wandte sich zügig spröderen Formaten zu und schrieb im Umfeld der Wiener Gruppe um H.C. Artmann, Andreas Okopenko und Konrad Bayer experimentelle Texte. Statt "o Schwärme silberleibiger Tauben" gab es nun ".. herostratische grosze zungen-Gewichte; auch nachtigallen (adj.);". Die Reaktionen darauf waren verschreckt: "purer Nonsense", "Aprilscherz", "sprachlich verunglückt" hieß es, doch Mayröcker war in ihrem Element. Zusammen mit ihrem "Lebens- und Liebesfreund" Ernst Jandl, den sie 1954 kennen lernte und dem sie 40 Jahre verbunden blieb, überführte sie ihre Freude am sperrigen Wort als nächstes aufs Hörspiel. Für ihr Stück "Fünf Mann Menschen" erhielten die beiden 1969 den Hörspielpreis der Kriegsblinden. In ihren Jandl gewidmeten "Anleitungen zu poetischem Verhalten" im Prosaband "Fantom Fan" stellte Mayröcker klar, dass sie unter Poesie nicht unbedingt Zartheit versteht: "Lassen Sie Wörter aufjaulen! / Machen Sie öfters mal boingg-boingg!" Das klingt nun gar nicht mehr mädchenhaft, sondern fast schon ein wenig gewalttätig. / Sabine Rohlf, BLZ 20.12.
67. Grenzübertritt Gerald Zschorsch legt mit "Torhäuser des Glücks" sein lyrisches Gesamtwerk vor
66. Dissidenten freigelassen Der vor anderthalb Jahren verhaftete und zu 20 Jahren verurteilte kubanische Schriftsteller Raúl Rivero ist Ende November überraschend freigelassen worden, berichtet die NZZ am 18.12.:
65. Vergleichende Länderkunde Ist´s auch nicht Lyrik, hat es doch Bedeutung: In der NZZ vom 18.12. berichtet der polnische Regisseur Erwin Axer über Friedrich Dürrenmatts Beziehung zu Polen:
64. Anhaltendes Tremolo Wie ein anhaltendes Tremolo legen sich die Mayröckerschen Gedichte über die Prosabücher; in manchen Fällen greifen sie das dort vorhandene Wortmaterial auf, um es in schnellerer Form zu verarbeiten - ganz so, als ob die jeweilige Wendung vor lauter Ungeduld gar nicht darauf warten könnte, ihren späteren Platz im Prosazusammenhang zu finden. So entstehen die Mayröckerschen Gedichte in Permanenz und bleiben dabei von Bandvorgaben oder anderen Imponderabilien des Buchmarktes weitgehend unberührt. / Klaus Kastberger, Die Presse 18.12.
63. Philo-Sophia Von Sappho bis Meret Oppenheim gehen die klugen Aussprüche von Frauen, wie dieser von Letztgenannter:
Gesammelt in
62. Humor Wo bleibt denn der Humor? Lesung Peter Rühmkorf. 21.12. Berlin, Literarisches Colloquium, Tel. (030) 81 699 60. 61. Herumgerührt "Gert Westphal rührt in Mörike rum" , sagt Tobias Steinkuhl über
60. Radio-Dokumentation über Rilke vollständig online MIT DEN ZITATEN von Tom de Toys (Sprechsänger "Das Rilke Radikal") aus Anna Schattkowskys Feature bei "Musenkuss" (c/o UniRadio Berlin 87,9 Mhz), 14.11.2004 "on air": Auszug aus der wörtlichen Nachschrift:
59. Nordlicht Ein Vergessener mehr: Dicke (& teure) Gelegenheit zum Nachholen bietet jetzt eine monumentale Ausgabe des Hauptwerks von Theodor Däubler:
58. Erfindung der Musik Schon wieder eine archäologische Sensation: Die FAZ berichtet am 16.12. ausführlich über eine erstaunliche Entdeckung. Ein Mitte der 70er Jahre in der Schwäbischen Alb gefundenes verziertes Elfenbeinstabfragment entpuppte sich jetzt als Teil einer Flöte. Aus insgesamt 31 ähnlich verzierten Stücken ließ sich eine kleine Flöte zusammensetzen (Die Zeitung druckt eine vergrößerte Abbildung über die ganze Seitenlänge). Die Fundschicht ist etwa 35.000 Jahre alt. (Demnach hätten die Schwaben die Musik erfunden?) Paßt mir fast ebenso sehr ins Konzept wie der Sappho-Fund neulich. Denn zur gerade erfolgten Neugestaltung dieser Seite gehört das stilisierte Abbild einer antiken Flötenspielerin. Was hat die Flöte mit Lyrik (oder mit POEsie?) zu tun? Bekanntlich hat die "Lyrik" ihren Namen von der Lyra, einem antiken Saiteninstrument. Nur ist Lyrik nicht gleich Lyrik. Denn im archaischen Griechenland war die Lyrik keine "Narturform" oder Hauptgattung der Literatur (die Gattungstrias erscheint überhaupt erst im Pleistozän, sprich: im 18. Jahrhundert). Martin Opitz (1624) wußte darüber ebenso wenig wie 16 Jahrhunderte vor ihm Horaz. "Lyrik" war für beide ein kleiner Teil dessen, was wir seit gut 250 Jahren so nennen. Kein Sonett, keine Elegie, kein Epigramm, keine Hymne, kein Hirtengedicht gehörte dazu. Elegie war ursprünglich eine Art von Gedichten, die von der Flöte begleitet wurden - so wie die Lyrik von der Lyra. Elegie in diesem archaischen Sinn ist älter als die Lyrik im engern wie weiteren Sinn. Also ist die Flöte - näher am Ur-Sprung - das passende Instrument für diese Zeitung. Schließlich heißt ihr Programm die tödliche (und nicht die mäßige) Dosis. Danke, FAZ! 57. Netzkunst Die SZ vom 17.12. bespricht einen Band zur Netzkunst:
56. Geistige Gummibärchen: Uneigentlich Die FAZ trennt bekanntlich scharf zwischen Information (Antiqua) und Kommentar ("Fraktur reden"). Naja, ein bißchen wird man schon dann und wann andeuten dürfen - wenn man´s nur poetisch verpackt. Beliebt sind subtile Anwendungen uneigentlicher Rede - bildlicher Ausdrücke. Überschrift zu dem Aufmacher-Bericht über das zu erwartende Scheitern (ja, ja) der deutschen Konservativen in Sachen "privilegierter Partnerschaft" der Türkei:
Na denn: gute Fahrt! (Hals- und Beinbruch?) / FAZ 17.12. Auch die Süddeutsche macht mit dem Thema auf, und auch sie im Bilde, wenn auch in umgekehrter Fahrtrichtung:
Geistige Gummibärchen ist eine lose Folge zur Poesie des Medienspeak. 55. No poetry Anders als bei den 100 schaffte es kein Gedichtband unter die besten 10 Bücher des Jahres laut New York Times. Halbwegs einschlägig ist allein ein Sachbuch: Bob Dylans Chronicles I. / New York Times 12.12.
Poesie (wenn auch nicht "Lyrik") schaffte es zuletzt vor vier Jahren - das einzige Gedichtbuch überhaupt seit 1996:
54. Wie Friederike Mayröcker dichtet Ich schreibe eigentlich ununterbrochen Gedichte. ... Ich möchte noch weltoffener arbeiten als bisher, sozusagen einen Fotorealismus einführen in die Gedichte, gemischt mit einer Art von Magie, die immer schon in allen meinen Sachen drin ist - und natürlich auch meine Versuche, mit Montagetechnik die Sache dann etwas aufzulockern. Das heißt, es ist also alles Mögliche versammelt in diesen Gedichten. Es ist in einigen Gedichten schon da, aber es schwebt mir noch sehr viel radikaler vor. / Die Presse 16.12.
53. Wie Frauen im Islam dichten In Andalusien gelangte arabische Frauenlyrik vom 9. bis 14. Jahrhundert zu schönster Blüte, weil dort mildere Sitten herrschten als im arabischen Mutterland. Im Irak des 9. und 10. Jahrhunderts gab es Mystikerinnen, die ihre Gottesliebe in Versen ausdrückten. In der hohen arabischen Literatur des 9. Jahrhunderts gab es berühmte Klagelieder von Dichterinnen, auch wenn deren Namen unbekannt sind. Die wichtigste Gruppe von Dichterinnen bestand allerdings aus Singsklavinnen, die an Höfen und Palästen eine Rolle spielten. Im Übrigen waren die Chancen für weibliche Lyrik in den vom Islam eroberten Ländern Asiens besser als im arabischen Sprachbereich. So stammt ein grosser Teil der Gedichte in der Anthologie aus dem Türkischen, Persischen, Usbekischen und Urdu. ... Aus Verzweiflung über die Zerstörung ihrer geliebten Heimat entringt sich der afghanischen Dichterin Shekûfe Bahâr der Wunsch: «Meine Augen sollt zum schönen Balch ihr bringen . . . / Macht aus meinen Knochen Lehm und Mörtel, Steine, / Um zum Aufbau Kabuls morgen sie zu bringen. / Hundert Küsse liebevoll von meinen Lippen / Sollt auf Stein um Stein ihr ins Gebirge bringen, / Und sollt mein Gedicht, das Saum um Saum sich auftut, / Zum Erblüh'n der roten Steppentulpen bringen.» / Katharina Mommsen, NZZ 16.12.
52. Warum nicht Born?
schreibt MICHAEL BRAUN in der FR vom 15.12.:
51. Google startet durch Nachtrag zu Meldung Nr. 48: Google will 15 Millionen Bücher digitalisieren, melden die Zeitungen. Darunter die kompletten Bestände der Universitäten von Stanford und Michigan sowie ausgewählte Bücher aus Harvard und der Bodleian-Bibliothek in Oxford sowie der öffentlichen Bücherei von New York.
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In diesem Monat (zweite Hälfte) über (zur Nachricht bitte nach der angegebenen Nummer blättern) Erste Hälfte im Archiv Afghanistan: 53 Adonis: 97
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